Region Seltenrain

Region Seltenrain, Landzentrum

Landzentrum: Kooperative Vorsorge auf dem Land

»Angebote der Daseinsvorsorge sind eine wesentliche Voraussetzung für die Zukunft und Lebensqualität in den ländlichen Räumen. Die Landengel antworten auf die Situation der Gesundheitsvorsorge und Pflegebetreuung einer Region vorausschauend mit zentralem Ambulatorium und dezentralen Gesundheitskiosken. Mit inhaltlichen Anspruch und Experimentiergeist zeigt der IBA Kandidat, wie regionale Wertschöpfung, kooperative Vorsorge und eine Baukultur der Gesundheit zusammen kommen.«
Andrea Hofmann, Fachbeirätin IBA Thüringen

Die gemeindeübergreifende Stiftung Landleben und der Verein Landengel e.V. wollen ein neues Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk in der Dorfregion Seltenrain aufbauen. Dazu gehören ein Landzentrum mit Kita, Tagespflege sowie verschiedenen Gesundheitsangeboten und Dienstleistungen unter einem Dach sowie Gesundheitskioske als Anlaufstelle und dezentraler Treffpunkt für Versorgungsfragen und Beratungen in den beteiligten Orten. Die Region Seltenrain wird damit zum Modellfall für die Vorsorge auf dem Land und zeigt, dass in Zeiten des demografischen Wandels gute Angebote für mehr Lebensqualität auch abseits der Stadt mit der Hilfe engagierter Akteure möglich sind.

Machbarkeitsstudie Landzentrum Seltenrain

Neben dem Konzept von dezentralen Gesundheitskiosken steht ein Landzentrum mit Funktionen der Tagespflege, Kita, Ärzt:innen und Gesundheitsdienstleistungen im Fokus. Dazu wurde im Auftrag der IBA Thüringen eine Machbarkeitsstudie durch Atelier Fanelsa gemeinsam mit der L.I.S.T. GmbH aus Berlin erarbeitet, die Standorte, Rahmenbedingungen, Finanzierung, Trägerschaft, Betrieb und Gestaltungsregeln für das größere Bauvorhaben untersuchte und gemeinsam mit den Akteur:innen vor Ort diskutierte. Entstanden ist ein gestalterischer und programmatischer Vorschlag für das Weiterbauen des Bestandes und die Idee einer nachhaltigen Organisation von Vorsorge in einem Zweckverband, die nicht mehr das Dorf alleine oder in Konkurrenz zu anderen, sondern die Region kooperativ als Ganzes denkt. 

Für den Bau des Landzentrums stehen zwei zentrale Grundstücke – ein leer stehender Konsum und ein Vierseitenhof – im Dorfzentrum von Sundhausen zur Verfügung. Zwei räumliche, klimagerechte Entwicklungsstrategien wurden definiert: ein minimalinvasiver Eingriff in den leer stehenden Konsum inklusive Anbau sowie das Prinzips des Weiterbauens am Vierseitenhof. Als Modellprojekt für die spezifische Typologie eines Landzentrums ist es erforderlich einen stetigen Prozess der Veränderung und Anpassung zu ermöglichen. Räumlich wird eine robuste Grundstruktur vorgesehen, in der spezifische und leicht zu verändernde Ausbauten möglich sind. Für die Neubauten wird ein Raster vorgesehen, das eine spätere Erweiterung der Gebäude ermöglicht.

 

Der ehemalige Konsum am Anger in Sundhausen stand lange Zeit leer. Für die Umsetzung des Landzentrums soll das Gebäude durch minimalinvasiven Eingriffen umgebaut werden. Ergänzt wird das Bestandsgebäude um einen Pavillon auf dem Dorfanger, der sich in Form und Materialität deutlich vom Bestand absetzen soll und so einen Kontrast zum Bestandsgebäude bilden wird.

Der zweite Standort für das Landzentrum befindet sich auf dem Grundstück eines ehemaligen Vierseitenhofs, der ebenfalls direkt an den Anger in Sundhausen grenzt. im Gegensatz zum Konsum zeichnet er sich durch eine weniger exponierte Lage aus, die besonders gemeinschaftliche Qualitäten bietet. Auch auf dem Standort des Vierseitenhofs wird mit den Bestandsgebäuden weitergearbeitet: das Stallgebäude in Fachwerkbauweise wird erhalten und um einen Neubau für die Tagespflege sowie einen Neubau für eine Kindertagesstätte ergänzt. So wird auch hier die hybride Gesamtstruktur aus Bestand und Neubau fortgesetzt.

In einem ersten Entwurfsschritt wurden Strategien zum Umgang mit den Bestandsgebäuden und zur Verteilung der Nutzungen und neuen Bauvolumen auf die Standorte Konsumgebäude und Vierseitenhof entwickelt.

Eine besondere Bedeutung für die Vernetzung und Begegnung der Nutzer:innen haben auch die Freiflächen des Landzentrums. Sie sollen als Möglichkeitsräume auch für Aktivitäten und Nutzung durch die Dorfgemeinschaft über den Kontext des Landzentrum hinaus geplant werden. Für eine Erweiterung der Versorgungsangebote im Landzentrum, z.B. durch Allgemeinmediziner:innen, Fachärzt:innen oder Heilpraktiker:innen ist eine tageweise Nutzung von Räumlichkeiten möglich. Gemeinsam mit den Partner:innen wurde geprüft, in wie weit Räume gemeinsam oder zeitlich versetzt genutzt werden können, um das Raumprogramm optimal zu strukturieren. 

Einer der geplanten Standorte, der leerstehende Konsum in Sundhausen, wurde seit Ende 2021 im Rahmen eines DesignBuild-Projekts der Technischen Universität Berlin und mit Unterstützung der Sto-Stiftung zu einem temporären Dorfmittelpunkt und als Auftakt für das Landzentrum umgestaltet. Dazu wurden in mehreren Bauhütten bis April 2022 Raumlösungen in Holzbauweise von Studierenden und jungen Handwerkern gemeinsam umgesetzt.

Der Zweckverband Landleben Thüringen

Zur nachhaltigen Organisation der Vorsorge unter anderem des Landzentrums mit Kindertagesstätte und Tagespflege wie auch der Gesundheitskioske wird ein Zweckverband der beteiligten Gemeinden aufgebaut. Der Zweckverband Landleben Thüringen soll damit auch Träger der öffentlichen Daseinsvorsorge der Dorfregion Seltenrain werden. Was durch Eingemeindungen oder Gemeindefusionen versucht wird zu erreichen, verfolgt der Zweckverband als regionale Verantwortungsgemeinschaft anhand direkter Projektkooperation.

Der Verband schafft innerhalb der Grenzen seiner Leistungsfähigkeit die für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Betreuung seiner Einwohner:innen erforderlichen öffentlichen Einrichtungen zur Erziehung und Bildung von Kinder und Jugendlichen, zur Schaffung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten, insbesondere Kindergärten, Schulen und Bildungseinrichtungen, sowie Spielplätze usw., zur Pflege und Betreuung von älteren und hilfsbedürftigen Menschen und zur Beratung und Koordinierung der öffentlichen Gesundheitsfürsorge mit Förderung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.

Projektprozess 
Ehemaliger Konsum wird neue Dorfmitte in Sundhausen
02. März 2022

Ehemaliger Konsum wird neue Dorfmitte in Sundhausen

Der ehemalige Konsum soll zum neuen Dorfmittelpunkt in Sundhausen werden und unter anderem als Treffpunkt, Arbeits- und Ausstellungsort aber auch als Standort für weitere Bauhüttenprozesse dienen.

Der experimentelle Charakter des Vorhabens dient den Studierenden und Junghandwerkern der Entwicklung von prototypischen Holz(Ein-)Bauten für eine zukünftig flexible Raumnutzung und übt gleichzeitig gemeinschaftliche Prozesse.

Dem Gedanken sogenannter ›Bauhütten‹, also früheren Werkstattverbänden folgend, wurden alle Baubeteiligten frühzeitig in die Planungen eingebunden und interdisziplinär und gewerkübergreifend gearbeitet. Damit gestalten unterschiedlichste Akteure das DesignBuild-Projekt: Stiftungen, Vereine, die Öffentliche Hand, Universitäten, Berufsschulen und die Bevölkerung können besonders im ländlichen Raum mit gemeinsamer Kraft neue und ungewöhnliche Ideen entwickeln und Lösungen schaffen, um den ländlichen Raum zu stärken.

Projekthintergrund

›DesignBuild‹ beschreibt einen Prozess, bei dem die Planung und Realisierung eines Bauwerks von der ersten Idee an in einer Hand liegt. In der Architektur ist DesignBuild mittlerweile eine alternative Forschungs-, Lern- und Lehrform, die gesellschaftliches Engagement mit theoretischem und praktischem Lernen verbindet. Somit werden Lehre, Forschung und Praxis unmittelbar zusammengeführt. So widmeten sich in der ersten Bauhütte im September 2021 die Studierenden der TU Berlin der Frage, wie dem zivilen Aufbruch in der Dorfregion Seltenrain kleinmaßstäblich Gestalt gegeben werden kann. Nach einer ersten, temporären Umnutzung des ehemaligen Konsums und Ortsanalysen entwarfen und bauten die Beteiligten erste Holzmöbel, die Außen- und Innenraum des Konsums verbinden und sehr flexibel einsetzbar sind. Zur zweiten Bauhütte im Dezember 2021 wurden weitere Entwürfe und Transformationsideen für den Konsum erarbeitet, die vor Ort diskutiert wurden. Mit der dritten Bauhütte wurden die finalen Entwürfe der neuen prototypischen Ein- und Anbauten aus Holz innerhalb von 14 Tagen bis Anfang März 2022 gemeinsam realisiert.

Das Projekt wird von der Sto-Stiftung unterstützt, die damit erstmals die beiden Stiftungszweige Architektur und Handwerk zusammenführt. In der Zusammenführung von Architekturstudierenden und Nachwuchskräften aus dem Bauhandwerk soll über die konkrete Zusammenarbeit am Bau ein besseres Verständnis der Bauaufgabe, Wissen und Austausch gefördert werden.

Das Projekt nimmt außerdem Bezug auf das Thema ›LeerGut‹ der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen. Sie unterstützt die Stiftung Landleben und den Verein Landengel bei den Planungen von Gesundheitskiosken und einem Landzentrum in der Region. Der neue Dorfmittelpunkt in Sundhausen wird für die weitere Entwicklung dieser Projekte als Treffpunkt, Arbeits- und Ausstellungsort und für weiterer Bauhüttenprozesse dienen.

Projektpartner

TU Berlin, CODE | Entwerfen und Baukonstruktion
Vertreten durch Prof. Ralf Pasel und Studierende des Instituts für Architektur

Das DesignBuild-Projekt der TU Berlin widmet sich den Fragen, wie dem Aufbruch auf dem Land kleinmaßstäblich Gestalt gegeben werden kann. Im Rahmen des Projekts gestalten die Beteiligten den ehemaligen Konsum zeitlich begrenzt in eine Bauhütte um. Hierbei geht es um eine tiefgehende Ortsanalyse sowie das Entwerfen und Bauen eines Tischs. Außerdem soll das Projekt die Frage beantworten, wie ein erstes (bauliches) Zeichen gesendet werden kann.

Landengel e.V.
Vertreten durch Christopher Kaufmann, Vereinsvorsitzender und Bürgermeister von Sundhausen

Der gemeindeübergreifende Verein Landengel und die Stiftung Landleben wollen gemeinsam ein neues Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk in der Dorfregion aufbauen. Dazu gehören ein Landzentrum mit Kita, Tagespflege sowie verschiedenen Gesundheitsangeboten und Dienstleistungen unter einem Dach. Dazu kommen ›Gesundheitskioske‹ als Anlaufstelle und dezentraler Treffpunkt für Versorgungsfragen und Beratungen in den beteiligten Orten, die gemeinsam mit der IBA Thüringen umgesetzt werden.

Stiftung Landleben
Vertreten durch Frank Baumgarten, Vorstandsvorsitzender

Die vier Gemeinden Blankenburg, Kirchheilingen, Sundhausen und Tottleben haben vor mehr als zehn Jahren gemeinsam mit der Agrargenossenschaft die Stiftung Landleben gegründet. Stiftungsziele sind die Umsetzung altersgerechten Wohnens und die Wiederbelebung der ländlichen Bausubstanz sowie, ganz allgemein, die Versorgung des ländlichen Raums. Die Stiftung kümmert sich um Fragen der Daseinsvorsorge und Lebensqualität. Bis heute hat sie barrierefreien Wohnraum auf innerörtlichen Brachen geschaffen, Sanierungsprojekte für leerstehende Häuser angestoßen und ein ehrenamtliches Mobilitätsangebot für ältere Menschen eingeführt.

IBA Thüringen
Vertreten durch Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin, und Kerstin Faber, Projektleiterin

Die IBA Thüringen ist ein über zehnjähriges Planungs- und Baukulturformat mit Abschluss im Jahr 2023. Unter dem Motto StadtLand arbeitet sie in Kooperation mit verschiedenen Partnern beispielhaft an nachhaltigen Projekten mit einem innovativen Gestaltungsanspruch. Das DesignBuild-Projekt in Sundhausen dockt sich thematisch u.a. an den IBA Schwerpunkt LeerGut an, der sich intensiv mit dem Bestand als Ressource und den Potentialen des Um-  und Weiterbauens in ländlichen Räumen auseinandersetzt.

Sto-Stiftung
Vertreten durch Till Stahlbusch, Stiftungsvorstand

Die gemeinnützige Sto-Stiftung fördert das DesignBuild-Projekt nicht nur finanziell. In der Zusammenführung von Architekturstudierenden und Kräften aus dem Bauhandwerk soll über die konkrete Zusammenarbeit am Bau der gegenseitige Austausch von Erfahrungen, Wissen und Denkweisen, von ›Kopf und Hand‹ also, gefördert werden mit dem Ziel, ein gemeinsames Verständnis der Bauaufgabe zu entwickeln. In diesem Sinne kann das Projekt auch als Prototyp künftiger Ausschreibungen im DesignBuild-Bereich verstanden werden.

Landengel e.V. wird IBA Kandidat
30. September 2018

Landengel e.V. wird IBA Kandidat

Kalender 

Momentan keine Termine

Ort 
Ehemaliger ›Konsum‹ Sundhausen
Anger 74
99947 Sundhausen
Deutschland
Partner
  • Gemeinden Sundhausen, Blankenburg, Bruchstedt, Kirchheilingen, Tottleben, Urleben
  • Partner:innen des Landengel e.V.
Planungsbeteiligte
Ansprechpartnerin

Kerstin Faber
Projektleiterin
Telefon +49 3644 51832-10
kerstin.faber@iba-thueringen.de